Über Sonderbarkeiten in Hotels der Welt. Heute: Frühstück ist fertig.

23. August 2011 geschrieben von Max von Lingen

Ich habe Glück gehabt! In dem Frühstücksraum den ich heute betrete, darf man sprechen! Das ist ungewöhnlich, zumal in Deutschland. Dort wird meist geflüstert – wenn überhaupt. Verschlafene Gestalten schieben sich durch die Tür, suchen einen Einzelplatz an einem der noch freien Tische und begeben sich nach der „entscheidenden“ Frage „Tee oder Kaffee“ lautlos suchend an das Buffet und kehren mit einer extragroßen Portion Rührei schweigend zurück. Wir müssen ein Land der Morgenmuffel sein. Ehrlich!

 

Hier und heute ist es anders. Menschen bewegen sich in fröhlicher Unterhaltung zwischen Buffet und Tisch hin und her. Es sitzen sogar Menschen aus verschiedenen Zimmern zusammen an einem Tisch! Wo bin ich hier bloß gelandet? In einem Hotel das sich zum Motto gemacht hat, dass wer gemeinsam mit anderen isst, ein glücklicherer Mensch ist. Das hatte ich zwar vor der Buchung bereits im Internet gelesen, dazu eine Abhandlung über die alten Griechen und deren gemeinsame Esskultur, aber ich hatte diesem Umstand wenig Bezug zum wahren Leben eingeräumt. Umso erstaunter mein Gesicht, als mich im Eingang zum Frühstückssaal niemand nach Kaffee oder Tee fragt, sondern mich mit freundlichen Worten und einem Kurzbericht über das Wetter und die Tagesgeschehnisse, an die Hand nimmt und zu einem Tisch führt an dem ich mit den bereits dort sitzenden Gästen bekannt gemacht werde.

 

So sitze ich mit Susanne, Michael und Josee zusammen, die bereits in einem Austausch über die Auswirkungen der Schweizer Idee sind, den Franken an den Euro zu koppeln. Ich bin an einem Businesstisch gelandet. Offensichtlich gehöre ich dort auch hin, denn ich bemerke, dass der „Chef de dejeuner“ nicht wahllos die Gäste verteilt, sondern sie mit recht guter Treffsicherheit in Augenschein nimmt und ihnen einen Platz zuweist, der ihnen am ehesten gerecht wird. Etwas weiter hinten sitzen zwei Familien mit etwa gleichaltrigen Kindern zusammen. Mit dem ganz einschneidenden Effekt, dass die Eltern in Ruhe Essen können, weil den Kindern nicht langweilig ist.

 

Gut, nicht überall kommt das Gespräch so gut in Gang wie bei uns. Inzwischen sind wir bei den utopischen (oder vielleicht doch nicht) Überlegungen, wie die Eurozone ohne den Euro aussehen würde und ob bei der ganzen Idee „Euro“ vielleicht ganz einfach die gesellschaftliche Position vergessen wurde, die politische hingegen überbewertet. Michael scheint vom Fach zu sein, er hat einmal für die Deutsche Bundesbank gearbeitet. Zu D-Mark Zeiten noch, jetzt schult er Banken im Umgang mit nachhaltigen Geldanlagen. Doch über den Euro zurück zum Buffet: wir stellen alle fest, dass es hervorragend ist. Es gibt zwar eine eher bescheidene Auswahl, die aber ist von erstaunlicher Qualität und, wie Frank und Frauke, die gerade an unseren Tisch kommen, versichern, jeden Tag anders.

 

So genieße ich noch einen gemeinsamen Orangensaft mit Frank und Frauke, ziehe mich dann aber doch in die Lobby zurück, denn die beiden sind zwar sehr munter und aufgeschlossen, aber andererseits auch so verliebt, dass sie wenig mehr als für sich Aufmerksamkeit haben. Aber das ist in Ordnung. Ich habe ein hervorragendes Morgengespräch gehabt und irgendwie das Gefühl es wird ein guter Tag werden. Was noch auffällig war: ich habe weniger gegessen als sonst, wenn ich alleine vor einem solchen Buffet mit ungewohnter Auswahl stehe. Es geht also auch körperlich beschwingter in den Tag.

 

Die Griechen des Altertums haben mitunter Recht, wenn sie behaupten es ist genauso wichtig darauf zu achten mit Wem man isst, wie das Was. Essen in der Gesellschaft macht glücklich. Das stimmt. Darüber kann man, neben den eigenen Erfahrungen, auch vielerlei Artikel und psychologische Abhandlungen verschlingen. Sogar Diätführer sind voll davon. Aber die sind alle nicht so nachhaltig wie ein gutes Frühstück in einem netten Hotel mittlerer Kategorie, in dem man überraschender Weise neben seinem Rührei noch eine nette Morgengesellschaft findet. Es kann so einfach sein mit dem Glück für einen guten Tag. Und mit der Erkenntnis, dass man von manchen Hotels durchaus etwas lernen kann. Genießen Sie Ihr nächstes gemeinsames Frühstück in einem Hotel mit Persönlichkeit!

Veröffentlicht in Max von Lingen Kolumne

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